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Re: [RSL] Verlass ist nur auf die USA@Wulff
- Date: Wed, 5 Feb 2003 16:47:50 +0100
Liebr Wulff,
> Die Lebensläufe der Nach-Stalin-Ära sollten aber eigentlich geeignet sein,
> gegenüber allen undemokratischen Machtansprüchen extrem sensibel zu
machen.
> Eigenartigerweise ist das nicht der Fall. Deshalb wundert mich die
> Kritiklosigkeit gegenüber Figuren wie Berlusconi und Bush schon. Es kann
ja
> nicht angehen, Berlusconi allein deswegen als aufrechten Demokraten zu
> sehen, weil Italien einige Jahrzehnte einer mehr schlecht als recht
> funktionierenden Demokratie aufzuweisen hat, und dabei seinen Weg zur
> Gleichschaltung Italiens und zu einem Duce-Revival völlig zu übersehen.
Also Berlusconi lassen wir einmal außen vor. Mit dem kannst nicht einmal
kleine Kinder erschrecken. Jetzt schreib einmal was der böse Onkel denn
angestellt hat, daß man sich fürchten muß?
Generell legen die Menschen im Osten nun großen Wert auf Meinungsfreiheit.
Das ist nämlich das, was mit Füßen getreten wurde. Und allgemein kann ich
behaupten daß die Berichterstattung im Osten viel objektiver ist als im
Westen. Und die Menschen (der Großteil) suchen bewußt die Wahrheit.
Zeitungen von der Informationsqualität von wie "Bild" oder "Sun" würde im
Osten kein Schwein lesen. Das ist schon einmal ein gewaltiger
Qualitätsunterschied der Ansprüche der Leser zwischen Ost und West.
Es
> ist auch seltsam, daß anscheinend völlig ignoriert wird, welche Blutspur
> Bush bereits vor seiner Präsidentschaft zog (ganz abgesehen davon, daß
unter
> den zahlreich Hingerichteten schon rein statistisch etliche Unschuldige
> gewesen sind), unter welchen Umständen er an die Macht kam und wie er
> seither agiert.
Amerika ist ein freies Land. Die Amis haben ihn gewählt und das ist deren
Glück oder Unglück.
Gerade den Menschen im ehemaligen Ostblock müßten doch das
> imperiale Gehabe heftig widerstreben und Sätze wie "wer nicht für uns ist,
> ist gegen uns" in den Ohren gellen. Anscheinend trägt die Erinnerung nicht
> lange - offenbar wesentlich haftender ist die anerzogene Unselbständigkeit
> und die daraus erwachsende Sehnsucht nach einem starken Führer.
Niemand hat im Osten ein Bedürfnis nach einem starken Führer, sondern nur
nach militärischer Sicherheit. Generell muß ich noch was herausstreichen,
was offensichtlich nicht bekannt ist. Der Osten ist eine de facto
ideologiefrei Zone. Es gibt zwar der ordnung halber Parteien, aber das
Ideologieverständniss fehlt, weil auch die Tradition fehlt. Die Menschen
schauen was sie konkret kriegen was getan wird, nicht was (ver)gesprochen
wird, schlicht aus der Erfahrung heraus. Deswegen ist es schwerer die
Menschen irrezuführen.
> Pardon - aber was das hier verhandelte Thema betrifft, kann ich das "neue
> Europa" im Osten nirgends erkennen, das ändern auch Deine Hinweise auf
> östliche Lebensläufe nichts (außerdem widerstrebt mir die Rubrik "arme
> Schweine", die als einzige übrigbliebe, zutiefst). Es ist ein von der
> Bush-Regierung geprägter Kampfbegriff ohne wirkliche Substanz, der mit den
> immer noch virulenten Volksseelen spielt, nichts weiter.
Natürlich kann man noch nichts erkennen. Aber tatschlich sind die Menschen
in Ihrer Biographie geprägt, eine Meinung haben zu wollen und diese zu
vertreten. Eine Eigenschaft die im Westen außer Mode kommt, allgemein
gesprochen. Den im Osten war gearde das verboten, eine Meinung zu haben, die
nun permanent ausgearbeitet wird und nach Umsetzung verlangt. Da ist man
viel eindringlicher und nachhaltiger als im Westen.
An der Überwindung
> des alten Europa mit seiner Volksseelenhaftigkeit arbeiten derzeit
lediglich
> Deutschland und Frankreich - Stichwort Föderation.
>
Man muß erst sehen was wo entsteht. Was bist du den so voreilig mit der
Beurteilung der möglichen Föderation, es wird sich von selbst zeigen was
dahinter steht. Ich bin ja auch neugiereig.
Man kann schon feststellen, daß die selbsternannten fortschrittlichen Kräfte
(die mit den roten Fahnen) die Diktaturen des Ostens immer mit sehr
liberalen Augen angeschaut haben und einer kritischen Beurteilung aus dem
Weg gegangen sind. Sie haben die Unmenschlichkeit dieser Diktaturen einfach
verniedlicht, ignoriert oder gar auch etwas bewundert wie dies mit der
Tito-Diktatur war. Wer aber nun Berlusconi und Bush als gefährliche Leute
für die Menschen der ehemaligen kommunistischen Länder darstellt, der hat
sich wirklich nie kritisch mit dem real existierenden Kommuninsmus
auseindergesetzt, denn da waren ganz andere Kaliber am Werk, bis zum Schluß.
Die beiden Figuren reichen nicht einmal für eine Kasperle-Theater Aufführung
in Novosibirsk.
Grüße
Miljenko
Rudolf Steiner Liste
http://www.christian-grauer.de/rsl/
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