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[RSL] Bosnische Kirche
- Date: Thu, 3 Jul 2003 01:29:37 +0200
Hallo Martin-Ingbert.
Wir haben uns vor ein paar Jahren bei einem eurer Vorstellungen in Wien in
der Steiner-Schule in Wien-Mauer kennengelernt. Ich habe mich dannach
intensiver mit der "Bosnischen Kirche befasst" und bin zu der Auffassung
gekommen, das sehr viele Klischees vorherrschen und das Thema völlig vom
Neuen untersucht und betrachtet werden muß. Ein endgültiges Urteil über die
"Bosnische Kirche" ist noch lange nicht in Sicht.
>
> Homepage:
> www.widar.de
>
Also die Darstellung über die bosnischen Bogumilen, bzw. Bogumilenmsteine
auf eurer Page ist schon sehr simpl und auf die anthroposophische Sichtweise
hingetrimmt. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber doch so weit mit der
Materie bekannt und vermerke dass man nicht von Bogumilen sprechen kann,
sondern von der "bosnischen Kirche" "crkva bosanska", wenn auch
Querverbindungen zu den bulgarischen Bogumilen wahrscheinlich, aber nicht
explizit nachgewiesen sind.
Die Seite "schlangenstein radmilja" hat doch einige Wiedersprüche in mir
geweckt.
http://www.widar.de/vidar/index.html
Gerade hat Noel Malcolm,
http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/34_96/bis9634f.htm
immerhin Geschichtsprofessor in Cambridge, interessante neue Aspekte
aufgeworfen, welche die Liebhaber vom falschen Bogumilenmythos in Bosnien
voll aufgeschreckt hat. Er hat zumindest auf die enorme Komplexität des
Themas aufmerksam gemacht, und ist ernsthaft zu prüfen. Im Übrigen hat er
nicht bestritten Bogumilen hätte es nie gegeben (wie unter 1) sodern
angemerkt, die "Bosnische Kirche war schon am Ende als die Türken in Bosnien
einmarschiert sind". Und das ist keineswegs von der Hand zu weisen. Dass die
heutigen bosnischen Moselms die Nachfolger der konvertierten "Bogumilen"
sind, ist eine "These" mit einer Detailwahrheit, aber sonst ohne Beweis zur
"Wahrheit" geworden. Wie gesagt Malcolm hat die Fakten gesammelt und diese
These ernsthaft erschüttert und wird vor allem von den Moslems in Bosnien
stark attakiert. Und die These vom toleranten Islam in Bosnien kannst auch
vergessen. 400 Jahre (osmanische) Herrschaft in Bosnien haben ganz andere
Spuren hinterlassen.
siehe aus euerem Punkt ...
>6) Der Überlieferung nach sind viele Bogumilen zum Islam übergetreten.
Dieser war auf dem Balkan nie fundamentalistisch ausgeprägt, sondern von der
mystischen Strömung der BektaschiDerwische geprägt und bot offensichtlich
mehr Toleranz als die etablierten christlichen Kirchen. So ist auch
äußerlich ein direkter Strom von der Verfolgung der Bogumilen zur Verfolgung
der bosnischen Muslime nachweisbar. Erst durch den Krieg kann heute auch ein
fundamentalistischer Islam mit politischen Zielen, ausgehend vom Iran Fuß
fassen. Folgender Auszug aus einem Interview der taz (5.4.94) mit dem
Islamwissenschaftler Smail Balic zur spezifischen Ausformung des Islam bei
den bosnischen Muslimen soll hier ausführlich wiedergegeben werden, weil er
eine wenig bekannte Sicht der Dinge zeigt: «...Der Islam auf dem Balkan ist
von Haus aus traditionalistisch. Er wurzelt in gewissen Volksvorstellungen,
die z.T. vorislamischer Herkunft sind. In der religiösen Praxis gibt es eine
Art Synkretismus. Vieles aus der Zeit der "Bosnischen (= bogumilischen,
M.I. H) Kirche" und auch vieles aus der vorchristlichen, heidnischen Zeit
ist im bosnischen Islam aufgehoben. (...) Die osmanischen Truppen der
Janitscharen wurden sehr stark von den Bektaschi, einem mystischen
(islamischen) DerwischOrden mitgeprägt. Die Bektaschi sind in religiöser
Hinsicht offen und tolerant und neigen dazu, es mit gewissen religiösen
Vorschriften nicht so genau zu nehmen. Sie gehen nicht sehr häufig in die
Moschee, sie trinken Wein. Gerade dieser mystische Islam hat sich zunächst
in Bosnien etabliert. (...) Die Tekkes, die Meditationszentren der
Derwische, sind nichts anderes als eine Form der früheren bogumilischen
Hizas, Versammlungshäuser der Patarenen (= Bogumilen, M.I. H.), in denen
meditiert wurde. ...»
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Den Islamwissenschaflter Smail Balic zu zitieren ist echter Hammer, den
Balic gilt als Islam-Fundi, zumindest bei uns Balkan-Christen. Im Übrigen
verwendet er auch nicht den Begriff Bogumilen sondern den korrekten Begriff
"Bosnische Kirche", bzw. "Patarenen", wie sie im letzten Jahrhundert der
größte Erforscher der "Bosnischen Kirche", Franjo Racki, genannt hat:
"Bosanski Patareni".
Außerdem, generell alle "Stecici" als Bogumilensteine zu bezeichnen ist auch
nicht unbedingt seriös. Im Übrigen ist die "Bosnische Kirche" bedingt
ketzerisch gewesen, es waren in erster Linie die Widerestände sich Rom und
Ungarn unterzuordnen "ketzerisch". Der prominenteste "Bosnische Christ" aus
Jajce "Vuk Hrvoje Hrvatinic" (kroatischer Wolf, nomest est omen), war
Bosniens mächtigster Feudalfürst, ungekrönter König von Bosnien, hat die
bosnische Kirche geschützt, lüstern Kriege geführt und immerhin fünf Könige
in Bosnien installiert und abgesetzt und am Ende seines Lebens die Türken
ins Land geholt, der Anfang vom Ende Bosniens. Heute würde man ihn als
echten Warlord bezeichnen. Damals wurde er auch beschuldigt dem
Feudalfürsten Kosaca während seiner Abwesenheit das Land verwüstet zu haben,
er bestritt das nicht, verlangte aber, sich als Ritter zu verteidigen. Es
ist doch ein anderes Bild als vorherrschende Mythen über "bosnische
Bogumilen". Ich wollte damit auch ein anderes reales Bild der "dobri
krstjani" der guten Christen zeigen. Es ist ein sehr breites Spektrum in der
"bosnischen Kirche" präsent gewesen und das endgültige Urteil steht noch
aus.
Die Lieder von Mak Dizdar sind übrigens im "schönsten Kroatisch" mit
alt(kirchen)slavischen Wörtern belebt, keine Spur von dem was man unter
Bosnisch versteht. Er wechselte den Namen vom islamischen Mehmedija
(Dizdarevic) zu Mak (Dizdar). Ojeh, das haut auch das bosnische Konzept
durcheinander.
Gruß
Miljenko
PS: noch ein Abschnitt des Kommentars zu Malcolms Buch:
http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/34_96/bis9634f.htm
...Vor allem widerlegt Malcolm die zahlreichen Mythen, die sich auf die
jüngsten Ereignisse in Bosnien beziehen. Er attackiert die Praxis der
westlichen Medien, den Krieg in Bosnien als "Bürgerkrieg" abzutun, und
zeigt, "daß die wirklichen Gründe für die Zerstörung Bosniens von außen
gekommen sind, und zwar zweimal: zum einen in der Form der politischen
Strategie der serbischen Führung, und zum anderen in der Form der
Verständnislosigkeit und fatalen Einmischung der westlichen Politiker" ...
Rudolf Steiner Liste
http://www.christian-grauer.de/rsl/
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