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Re: [RSL] Immunisieren?



Lieber André,
Ja, ich habe Röschert gelesen und seine These schon verstanden -
allerdings ist die Welt m.E. nicht so homogen und leicht auf den Begriff
zu bringen. Und ja ich habe Kloss ganz gut gekannt und eine Menge von
ihm gelesen und mich über einiges mit ihm gestritten. Er wusste über so
ziemlich alles Bescheid, was es über Gruppen-Konflikte irgendwo auf der
Welt zu wissen gab und hat darüber nachgedacht. Mitglied eines
Denkkollektivs war er eben gerade nicht, weder Schweppenhäuser noch
sonst jemand. Wenn wir vom Reflektieren der Dogmen reden: da hat Kloss
mehr geleistet als so mancher andere.        
 
Sachlich zu dem Simonschen Text ist zu sagen: ich wundere mich, dass
jemand, der so viel geschrieben hat wie Kloss nach einem
Inhaltsverzeichnis runtergeputzt wird. Dann gibt es sachliche Fehler und
Auslassungen, die mir etwas interessegeleitet vorkommen. Es gibt diverse
Texte pro und kontra Kloss auf dem Internet (zB Jan Blommaert,
Christopher Hutten). Mir scheint, jemand wollte sich auf Kloss' Kosten
profilieren.   

Zu Anthroposophie und Rassen sagt das Inhaltsverzeichnis allerdings
nichts, denn Kloss hat die Anthroposophie allen Quellen nach erst nach
dem Krieg kennengelernt. 

Zu Röschert: Das es auch bei den Anthroposophen Schulen gibt, in denen
die einen oder anderen Ideen nicht mehr besonders hinterfragt werden,
ist Tatsache, aber nicht Zielvorstellung. Und das finde ich einen
wesentlichen Unterschied.

 --- Magdalena 
   
 
André Bleicher schrieb:
> 
> Liebe Magdalena,
> 
> vielen Dank für Deine Reaktion, ich mußte wegen überbordender
> universitärer Selbstverwaltungsaufgaben die Beantwortung Deiner Mail
> immer wieder verschieben.
> 
> Natürlich ist das Unternehmen Anthroposophie nicht  als Denkkollektiv
> angelegt worden und ein bestimmter Denkstil oder gar ein Denkzwang sind
> auch nicht (voll) bewußt entwickelt oder gar oktroyiert worden (das
> dürfte ohnehin kaum der Fall sein) - oder anders gesagt; die Ausbildung
> eines anthroposphischen Denkkollektives war keine freie Handlung i.S.
> R.St. (Bildung einer ideellen Intuition sowie die dreifache Aktualität
> (1) des Handlungskontextes, (2) des durch Intuition gebildeten
> Handlungszieles / Motives und (3) der reelle Bezug des Motives zur
> Wirklichkeit) .
> 
> Darauf wollte ich aber auch nicht hinaus; ich wollte darauf hinweisen,
> daß es eines oder mehrere teilweise unterschiedlich akzentuierte
> anthroposphische Denkkollektive gibt, die einen spezifischen Denkstil
> ausgebildet haben und die bestimmten  Denkzwängen unterliegen. 1935
> entwarf Ludwik Fleck in seinem Klassiker "Entstehung und Entwicklung
> einer wissenschaftlichen Tatsache" die Theorie des "Denkkollektivs" und
> des "Denkstils": Das Denkkollektiv ist eine Gemeinschaft von
> Wissenschaftlern (Fleck nennt sie bezeichnenderweise Esoteriker), die in
> gedanklicher und sozialer Wechselwirkung stehen und die Träger eines
> spezifischen Denkstiles sind. Der Denkstil disponiert das Denkkollektiv,
> die Welt auf eine bestimmte Art zu sehen. Die Angehörigen zweier
> unterschiedlicher Denkkollektive können sich deshalb nicht verstehen,
> sie sehen, wenn sie auf dasselbe blicken, zwei vollständig verschiedene
> Dinge. Da Denkkollektive die Tendenz haben, sich gegen Kritk
> abzuschotten, - ich habe das für die Energiewirtschaft untersucht, dort
> findest Du die Eigentümlichkeit, daß Einwände oder Kritik innerhalb der
> energiewirtschaftlichen 'Engineering Community' schlicht ignoriert
> werden ('nicht mal negiert', so würde Gerhard Polt dieses Verfahren
> beschreiben) - immunisieren sie sich nach und nach gegen andere
> Auffassungen und bilden einen Denkzwang aus - Abweichung vom Denkzwang
> wird sanktioniert.
> 
> Röscherts Versuch, die Geschichte der AAG als Geschichte eines
> Denkkollektives zu deuten erscheint zumindest einigermaßen fruchtbar zu
> sein:
> 
>     Ein Denkkollektiv konstitutiert sich um Steffen und seine 'richtige
>     Methode' (was immer das sein mag), dieses Denkkollektiv vermag den
>     Ausschluß von Häretikern zu organisieren und durchzusetzen.
> 
>     Ein weiteres Denkkolletiv dürfte sich um Witzenmann gebildet haben,
>     das die Auffassung vertrat, ein Testatment sei null und nichtig, und
>     das Werk Steiners gehöre der AAG und nicht seiner Witwe.
> 
>     Ein bestimmter Denkzwang scheint auch der Auffassung,  der
>     AAG-Vorstand sei ein 'esoterischer Vorstand' zugrunde zu liegen.
> 
> Die Frage ist nun, ob anthroposphische Denkkollektive nazistische und
> rassistische Auffassungen integrieren können. Statt hier zu spekulieren,
> will ich - ganz braver Goetheanist - phänomenologisch vorgehen. Du hast
> in einem anderen Thread meinen Genossen (schließlich war er ja
> SPD-Mitglied) Heinz Kloss erwähnt, einen Autor, den ich ob seines
> nüchternen und sachlichen Stils und seiner Nähe zur
> Schweppenhäuser-Schule (auch ein Denkkollektiv) immer sehr geschätzt
> habe. Nun kannte ich von ihm lange nur das bei Klostermann erschienene
> Buch:  Selbstverwaltung und die Dreigliederung des sozialen Organismus,
> Frankfurt a. M., 1983, und seine Artikel in den 'Beiträgen zur
> Dreigliederung'. Daher war ich zunächst sehr erfreut, als im Rahmen
> eines Symposiums Gerd Simon den Namen Kloss fallen ließ; Simons
> detaillierte Ausführungen haben mich dann allerings so ziemlich auf dem
> falschen Fuß erwischt, denn plötzlich trat da ein ganz anderer Heinz
> Kloss hervor, der in der Gliederung zur seiner 'Ordnung der Völker'
> anthroposphische Terminologie  mit durchaus mit rassistischer und
> nationalsozialistischer zu koppeln verstand (vgl.
> http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/Kloss.pdf).
> 
> Man kann nun füglich darüber steiten, ob es sich dabei 'nur' um
> zeitbedingte Kompromisse gehandelt hat - es kommt mir, gerade weil ich
> Kloss eben auch gut leiden kann, auch gar nicht drauf an, ihm ein paar
> Steine hinterherzuschmeißen, es bleibt jedoch die Tatsache, daß Kloss
> offensichtlich eine Anschlußfähigkeit von Anthroposophie und Rassenlehre
> sah und diese wohl auch ausgeführt hat.
> 
> Den zweiten Teil der Antwort, inwieweit Anthroposophie  doch gegen
> rassistiche Ideoligie immunisieren und wie eine solche Immunisierung
> organisational in den 'anthroposophischen Einrichtungen' erreicht werden
> kann, muß ich jetzt erst einmal verschieben, wir haben jetzt
> Vollversammlung.
> 
> Herzliche Grüße
> 
> André
> 
> Magdalena Zoeppritz schrieb:
> > Ihr Lieben,
> > André sagte: Denkkollektiv?
> > Wulff sagte: Nachdenken hilft
> > Barbara sagte: wie ... in anthrokreisen rezipiert wird ...
> > Christian brachte zu Recht eine ganze Latte von Faktoren ins Spiel.
> >
> > Nachdenken hilft in der Tat, und als Denkkollektiv war die Unternehmung
> > Anthroposophie nicht gedacht - und das erlaube ich mir wesentlich zu
> > finden, denn anderswo sind die ideologisch gefestigten Kader die
> > Zielvorstellung.
> > Ideologien _sollen_ immunisieren, von einer akzeptablen Philosophie
> > (okokok nehmt das Wort, das euch lieber ist) erwarte ich nicht, dass sie
> > mich gegen irgendwelche Schlüsse immunisiert, sondern dass sie mich zum
> > Denken anregt.
> >  --- Magdalena
> >
> > PS Liebe Barbara, die 'Rezeption in Anthrokreisen' stört mich ziemlich,
> > ich bin schließlich auch Teil von 'rezipierender Anthrokreis'. Warum
> > sollte der Europäer-Umkreis repräsentativer sein als der von Info3? Weil
> > es mehr Spaß macht, sich an denen zu reiben als die anderen zu sehen
> > (wenn sie nicht gerade Purzelbäume schlagen)?
> >
> >
> >
> 
> --
> 
> Rudolf Steiner Liste
> http://www.equisetum.de/rudolf-steiner/

-- 
magdalena.zoeppritz@rhein-neckar.de
Friedrich-Ebert-Strasse 5
D-69221 Dossenheim
T/F +49-(0)-6221 860146


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Rudolf Steiner Liste
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