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Re: [RSL] Again: Grundeinkommen vor dem Hintergrund der Wirklichkeit



Lieber Christian

Danke, jetzt verstehe ich, was Du meinst. Das Spiel als "sozialer Übungsraum". Wobei ich sagen muss, dass das Spielen für mich gerade beim kleinen Kind vor allem eine Übung der hingebenden Aufmerksamkeit bis zur Selbstvergessenheit darstellt. Die Abgrenzungen, der Streit sind wie ein Aufwachen daraus. Die Fähigkeit, sich derart selbstvergessen zu fokussieren, ist allerdings auch nicht unbedingt gegeben. Die sozialen Abgrenzungen, Absprachen, Regelentwicklungen, Übungen in deren Überschreiten bis hin zum lockenden Verbotenen habe ich als Kind gerade im Herumstreunen mit anderen Kindern erlebt. Wir hatten damals viel zu entdecken und noch mehr zu regeln. Bestimmte verletzende Äußerungen anderer Kinder in dieser Phase sind mir heute noch gut erinnerlich. Da kam zum ersten Mal die Frage auf, ob ich so bin, wie ich bin- oder ob mich Andere ganz anders sehen können. Höchst befremdliche und schmerzliche Erfahrung. Eigentlich kam da überhaupt zum ersten Mal die Frage auf, wer ich bin. Die Selbstvergessenheit habe ich auch intensiv erlebt. Es ist eine sehr glückliche Erfahrung. Die bildungsbürgerhungrige Attitüde vieler heutiger Eltern, die einen Terminkalender für ihre Kinder führen, ist tatsächlich ein Problem, vor allem, wenn kleine Lernstörungen in der Schule auftreten. Dann werden die Kinder wirklich rund um die Uhr beackert. In der gleichen Klasse sitzen aber dann auch die Schüler, die sich vollkommen selbst überlassen sind. Es sind vollkommen unterschiedliche Lebensstile. Manchmal sind die letzteren deutlich "fitter" als die Behüteten, stecken aber viel zu früh in einer Persiflage des Erwachsenseins. Entschuldige, ich bin etwas abgeschweift.
Herzlich
Michael


Ich meine damit die Fähigkeit, zu erkennen, welche konkreten Wirkungen
eine Handlung hinterlässt. Nicht nur rein physisch, sondern
insbesondere auch auf psychischer und sozialer Ebene bei meinen
Mitmenschen. Und welche Folgen die Handlung für mich selbst hat, wie
ich mich selbst durch diese Handlung verändere und in welche Lage ich
mich damit bringe. Physisch, psychisch und sozial. Das ist etwas, was
man lernen muss, an konkretem Umgang mit der sinnlichen Welt, im
gemeinsamen Spielen, in prototypischen sozialen Strukturen, sei es in
der Schule als solcher oder in konkreten gemeinschaftlichen Tätigkeiten
wie Musizieren, Sport oder Theaterspielen und dergleichen. All diese
Dinge, die man oft für überflüssige Schülerbelustigung hält. Im
Matheunterricht lernt man das am allerwenigsten (nichts gegen Mathe,
das braucht man auch...). Am wichtigsten scheint mir da aber wirklich
das freie aber phantasiereiche Spielen mit anderen Kindern zu sein, wo
sich all diese Probleme prototypisch ergeben und geübt werden können.
Da lernt man u.U. mal, wie Ausgrenzung funktioniert, welche Nachteile
ich davon habe, wenn ich Regeln übertrete etc. Und zwar so, dass ich es
reflektieren kann, weil beim Abendessen alles vorbei ist und die im
Spiel hergestellte prototypische Situation aufgelöst ist. D.h. ich
werde nicht existenziell dadurch betroffen und verfalle dadurch nicht
so leicht in einen Teufelskreis aus Trotz und Ausgrenzung etc... Ich
kann aus meiner konkreten Situation heraus sagen, dass eben diese Form
des Spieles eine sehr sehr wenig verbreitete und von unserer
Gesellschaft so gut wie überhaupt nicht geförderte ist. Schon die
Kinder im Alter meines Sohnes (5) haben allenfalls am Wochenende Zeit,
miteinander zu spielen. Und mein Sohn wächst sozusagen noch in einer
dahingehend exponierten sozialen Umgebung auf. Wenn ich zwei Straßen
weiter gehe in den sog. sozialen Brennpunkt, dann muss man froh sein,
wenn sich die Kinder auf den nahegelegenen Spielplatz verirren und dort
wenigstens mal Schaukeln oder Rutschbahn fahren.



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